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Zwei Kutschenentwürfe mit Prägestempel

Im Museum für Kommunikation in Bern (ehem. Schweizerisches PTT-Museum), werden im Album "Postmuseum: Kantonale Postfuhrwerke vor 1849, ALB.CH 29" zwei Blätter mit Entwürfen zu Kutschen auf Blättern mit den Nr. 23 und 24 mit dem Prägestempel "H. Jmhoff, Carrossier, Bâle" aufbewahrt. Die Blätter sind mit Tusche gezeichnet, wobei z.T. noch Reste des Vorzeichnens bzw. Reste von Varianten in gewissen Details mit Bleistift und Einsstichstellen des Zirkels zu erkennen sind.
Prägestempel auf dem Blatt Nr. 23 (jener auf dem Blatt Nr. 24 ist nur noch mit Mühe zu erkennen)
PRÄGESTEMPEL AUF DEM BLATT NR. 23 (JENER AUF DEM BLATT NR. 24 IST NUR NOCH MIT MÜHE ZU ERKENNEN)
Die Einordnung in das Album "Postmuseum: Kantonale Postfuhrwerke vor 1849, ALB.CH 29" ist fragwürdig, da der gelernte Schmied Henri J. Jmhoff-Schuhmacher (1828-1900) aus Soyhières (dt. Saugern) bei Delémont im Jura erst im Jahre 1852 nach Basel zog, sich dort als Wagenschmied niederliess und ab auch 1865 als Postfuhrhalter tätig war. Somit ist sicher, dass die beiden Kutschenentwürfe nicht für die Kantonalpost Basel-Stadt sondern bereits für die ab dem 1. Januar 1849 tätige Eidgenössische Post mit dem Sitz der Generaldirektion in Bern erstellt und dort möglicherweise mit einer Offerte zum Bau solcher Wagen eingereicht wurden. Ob die entsprechenden Wagen tatsächlich gebaut wurden ist nicht bekannt.
Das Blatt (B. 28 cm, H. 21 cm) mit der Nummer 23 ist oben, links der Mitte, mit der reliefgeprägten Inschrift "H. [Henri] Jmhoff, Carrossier, Bâle" (vergl. Abb. 2) versehen. Rechts der Mitte findet sich die Bleistiftnotiz: "HJS [für Henri J. Jmhoff-Schetty?] a faire un dessin au crayon de cette voiture au 1/10" (vergl. Abb. 3).
Das Blatt Nr. 23 (Abb. 1 und 4) zeigt eine leichte, vierplätzige Berline deren Kutscherbockform und Dachgalerie (Imperial) für den Gepäckpäcktransport in der bei Postkutschen üblichen Art gehalten sind. Die Seiten- und Stirnbretter der Dachgalerie sind mit geschmiedeten, aufgeschraubten Bügel zum Festzurren einer Abdeckplane versehen. Der üblichen Bauweise eines Postwagens entspricht auch der geräumige Unterbau des Kutscherbocks, welcher über grosse, seitliche und abschliessbare Türchen gut zugänlich ist. Sogar die Knöpfe zum Einhängen einer ledernen Beindecke ("Fusssack") an der Bockgalerie sind angedeutet.
Für eine Postkutsche unüblich ist der leichte Vorwagen mit Vollelliptikfedern nach englischer Art. Bleistiftspuren zeigen eine Variante mit dem weniger eleganten aber im rauhen Alltagsbetrieb der Post solideren Postvorwagen mit zwei Längsfedern und einer hinteren Querfeder. Im vorderen Bereich des Kastens finden sich ebenfalls Korrekturen, welche die Möglichkeit offen lassen, dass der Entwurf ursprünglich sogar als nur zweiplätziges Coupé begonnen wurde. Der Kutscherbock gegt schwungvoll über einen kurzen Bockhals in den eleganten Kutschenkasten über. Dieser ist in einer Mischform der in Frankreich als "carré" bzw. "bateau" bezeichneten Formen des unteren Kastenteils gehalten. Der ganze Entwurf wirken elegant und mit einem sichern Gefühl für Formen und Proportionen gezeichnet. Er spricht noch ganz die wagenbauerische Formensprache des späten Biedermeiers. Auffallend ist, dass weder am Kutscherbock noch am Wagenkasten Halterungen für Kutschenlampen zu erkennen sind.
Für einen Postwagen ebenfalls ungewöhnlich ist, dass der sonst bei Postwagen vorhandene und für die Beförderung von Brief- und Packetpost wichtige, rückseitige Gepäckkasten nur mit Bleistift als Umriss angedeutet ist. Auch der hintere Bereich des Untergestells ist mit den leichten, in Schnörkeln endenden Federbügel für einen Postwagen untypisch. Die Federung mit den 3/4 Elliptik-Federn entspricht einer auch im Luxuswagenbau bei leichten Coupés, Berlinen oder Landauern bereits ab etwa 1830/40 gebräuchlichen Bauweise. Diese Konstruktion wäre für das Anbringen einer leichten, demontierbaren Gepäckbrücke für Reisekoffer usw. prädestiniert.
Bleistiftnotiz auf dem Blatt Nr.23
BLEISTIFTNOTIZ AUF DEM BLATT NR.23
Die Räder sind nur mit den Umrissen der Naben und feinen Umrisslinien von Reifen und Felgen angedeutet. Es kann jedoch davon ausgegangen werden, dass sie in der üblichen Bauweise - mit vorne 12 und hinten 14 Speichen - ausgeführt worden wären. Über die Bauart der Achsen geht aus der Zeichnung ebenfalls nichts genaues hervor. Zwar war um 1850 die bereits 1792 vom Enländer John Collings in Lambeth bei London patentierte Ílachse im Bau von Luxuskutschen weit verbreitet, die Post hielt jedoch bis zum Ende des Baus von Postkutschen an den veralteten, billigen, soliden aber unterhaltsaufwändigen Schmierachsen mit Fettschmierung fest. Dies lässt den Schluss zu, dass auch dieser Wagen mit höchstwahrscheinlich, mit Schmierachsen ausgeführt worden wäre.
Die Bremse, mit einer Kurbel von der rechten Bockseite zu bedienen, mit schräg liegender Spindel, Querwelle und auf diese aufgesteckten, geschweiften Bremsklotzträgern, ist eine bei Luxuskutschen übliche Bauart. Die Bremsklötze sind oberhalb der Radmitte angeordnet damit die Bremskraft beim Einfedern der Räder nicht abnimmt bzw. die leichte Verschiebung der Achse nach hinten eingerechnet, konstant bleibt, wenn sich die Federn beim Einfedern strecken. Die Post bevorzugte allerdings, vor allem bei schwereren Wagen, eine Bremsbauart, bei welcher ein Balken bzw. ein Profileisen quer an Hängeeisen hinter und allenfalls zusätzlich ein zweiter Balken vor den Rädern aufgehängt war, an welchem die gusseisernen oder hölzernen Bremsklötze, seitlich verschiebbar und leicht auf die Reifen auszurichten, angeschraubt waren. Das von der Spindel herkommende Gestänge wirkte über zwei mittig zusammenlaufende Zugstangen auf den Balken bzw. das Profileisen. Damit war gewährleistet, dass das sich die Bremskraft gleichmässig auf beide Räder aufteilte und nicht das rechte Rad vorzeitig blockiet wurde, weil eine Querwelle der Torsionsbeanspruchung nachgeben konnte.
Aufgrund dieser Befunde stellt sich die Frage, ob der Entwurf für den Einsatz als Extrapostwagen für eine gehobene, zahlungskräftige und entsprechend komfortbewusste Kundschaft gedacht war. Denn von der eleganten und leichten Ausführung her, scheint der Wagen für einen gewöhnlichen Kurswagen zu aufwändig. Das geringe Platzangebot von vier bzw. sogar nur zwei Passagierplätzen würde auch nur einen Einsatz als Kurswagen auf schwach frequentierten Nebenlinien erlaubt haben. Ein Einsatzbereich der mit Wagentypen wie dem "Char de côte", einfacheren Berlinen mit rückwärtigem Gepäckkasten sowie den verschiedenen Bernerwagen- und Kabriolett-Typen bei der Post bereits gut und zweckmässig abgedeckt war.
 
Album CH 28, Blatt Nr 23 (© Museum für Kommunikation, Bern)
ALBUM CH 28, BLATT NR 23
(© MUSEUM FÜR KOMMUNIKATION, BERN)
Die zweite Zeichnung ist eine im Detail noch verfeinerte und vollständiger durchgearbeitete Variante der ersten Zeichnung. Die Dachgalerie ist noch mit hölzernen Planenbögen ergänzt. Vor der Dachgallerie sind die in senkrecht stehenden Flacheisen endenden Laternenhalter zu erkennen. Auf diese wurden die mit Halterungen nach Eisenbahnart versehenen typischen Postwagenlaternen mit Petroleumbrennern bzw. Kerzen aufgesteckt. Die handwerklich anspruchsvolle, stark gerundete Kastenfront mit ihrem gegenüber den Seitenwänden zurückgesetzten Übergang und die elegant in den Bockhals hineinschwingenden Seitenwänden, sind vom ersten Entwurf übernommen worden. Diese Stilelement erwecken den Eindruck von Leichtigkeit. Von der Eleganz her gesehen ein Rückschritt ist die gerade Vorderkante des Unterbaues des Kutscherbocks, sie bringt aber zusätzlichen Platz in der Bockkiste. Mit Bleistift als Variante angedeutet ist ein gerundeter Übergang von der Bockvorderkante zum Fussbrett.
Die Mischform des Kastens ist einer eindeutigen Form "bateau" gewichen. Ihre Leichtigkeit wird noch noch durch den - einschliesslich des unter Teils der Türe - in zwei Stufe zurückgesetzten Fusskasten betont. Der untere Teil des Fusskastens verschwindet optisch durch eine schwarze Lackierung noch zusätzlich unter dem Wagen. Dieses Detail stellt an das handwerkliche Können des Wagners und des für die Kastenspangen und Türbeschläge verantwortlichen Schmiedes bzw. Schlossers höchste Anforderungen, sollen die Türen auf die Dauer sauber schliessen und ohne zu klemmen zu öffnen sein. Die kleinen Türpaneelen unterhalb der Fenster sind grösser geworden, die Gürtellinie des Kutschenkastens ist entsprechend etwas nach unten gerutscht. Die unteren Kastenpaneelen sind schmaler geworden und nicht mehr durch eine Zierleiste geteilt. Zum Übergang Kutscherbock-Bockhals-Kutschenkasten ist eine Variante mit Bleistift angedeutet. Diese wäre konventionellere, als die in Tusche gezeichnete Variante.
Album CH 28, Blatt Nr 24 (© Museum für Kommunikation, Bern)
ALBUM CH 28, BLATT NR 24
(© MUSEUM FÜR KOMMUNIKATION, BERN)
Die hintere, obere Kastenpaneele wurde mit einem modisch-verspieltenen Detail, einem ovalen, sogenannten "opera windows" ergänzt. Diese waren im europäischen Wagenbau wenig verbreitet. Amerikanische Wagenbauer verwendeten diese zusätzlichen Fenster jedoch gerne sowohl bei typisch amerikanischen Wagentypen (z.B. Rockaways, als auch bei amerikanisierten Interpretationen englischer und französischer Wagentypen (z.B. Broughams/Coupés). Bei Vorwagen entschied sich Jmhoff für den eleganteren, besser zum Gesamtbild des Wagens passenden, englischen Vorwagen. Hinten wurde die Federung von der ersten Zeichnung übernommen und der postwagentypische Gepäckkasten endgültig weggelassen. Die Achsschenkel sind zeichnerisch abgeschnitten (Schraffur) und die Räder lediglich als feine Umrisslinien von Reifen und Felgen angedeutet. Die Bremse entspricht ebenfalls jener auf der ersten Zeichnung.
 

Abmessungen des Wagens

Beiden Entwürfen gemeinsam ist die Skala, auf welcher die Wagen stehen. Sie dienen zum Abschätzen der wichtigsten Masse. Davon ausgehend, dass Jmhoff den 1836 mit dem "Konkordat über eine gemeinsame schweizerisches Mass- und Gewichtsordnung (1835-1848)" auch im Kanton Basel-Stadt eingeführten Fuss von 30 cm Länge des metrischen Systems verwendete, lassen sich aus dem zweiten Entwurf folgende Hauptabmessungen des Wagens ermitteln:
Gesamtlänge:10 Fuss, 3 Zoll, 8 Linien= ca. 312 cm
Länge des Kutschenkastens ohne Kutscherbock5 Fuss= ca. 150 cm
Breite der Türe1 Fuss, 8 Zoll, 5 Linien= ca. 55 cm
Höhe über Planenbögen7 Fuss, 5 Zoll, 8= ca. 227 cm
Höhe über Dach 6 Fuss, 6 Zoll, 5 Linien= ca. 200 cm
Höhe des Wagenkastens4 Fuss, 8 Zoll, 1 Linie= ca. 144 cm
Raddurchmesser vorne2 Fuss, 7 Zoll, 7 Linien= ca. 83 cm
Raddurchmesser hinten3 Fuss, 8 Zoll, 8 Linien= ca. 117 cm
Abstand der Achsen6 Fuss, 5 Zoll= ca. 195 cm
Ein Vergleich mit anderen ähnlich alten Kutschen bestätigt, dass diese Masse realistisch sind und zeigen, wie zierlich der Wagen und wie eng sein Innerse gewesen sein müsste. Dabei ist immer hin zu beachten, dass die Menschen zu Mitte des 19. Jahrhunderts im Durchschnitt etliche Zentimeter kleiner und in der Regel zierlicher waren als heute.
Eduard J. Belser, Dipl.-Ing. ETH/Museologe Uni Basel
 
© Settelen "Perseenlig", Herbst 2001






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